Zukunft Berlin: Stadtraum zurückerobern

Unsere Veranstaltung in den Räumen der Stadtwerkstatt Berliner Mitte.
Am 19. Februar 2019

Mit Martin Aarts, Boris Palmer, Hille Bekic, Uli Strötz und mehr als 100 Gästen.

Martin Aarts hat über viele Jahre den Umbau der autogerechten und fast menschenleeren Innenstadt von Rotterdam zu einem lebendigen Stadtzentrum begleitet, in dem wieder viele Menschen wohnen und fast ebenso viele Arbeitsplätze enstanden sind. Das schien für Rotterdam und seine Einwohner*innen lange unvorstellbar. Mit ungewöhnlichen Denk- und Umsetzungsansätzen ist es dennoch gelungen.

Rotterdam ist ganz anders als Berlin, die Denkweise kann für die Berliner Mitte durchaus zielführend sein. Denkgrenzen überwinden und über den Tag hinaus denken, heißt die Devise. Als Politik und Verwaltung mutige Entscheidungen zu treffen und diese konsequent umzusetzen, ist ein anderer wichtiger Baustein in Rotterdam gewesen. Dabei galt es auch Anfeindungen zu überstehen, am Ende gab das Ergebnis den Befürwortern der Verkehrs- und Stadtentwicklungswende recht. Die Kritiker sind dennoch nicht fortgezogen, sondern genießen ebenfalls das Mehr an Lebensqualität. Und trauern ihrem eigenen Parkplatz meist nicht nach.

Allerdings muss jede Stadt ihren eigenen Weg finden. Sich seiner Geschichte bewusst zu werden und sich auf die Veränderung im Denken und Handeln einzulassen, ist sicher auch für Berlin ein guter Weg. Aus Rotterdam können wir noch lernen, nicht nur ein oder zwei Themen zu bearbeiten, sondern alle Aspekte und Dimensionen der Stadtentwicklung im Kontext zu sehen. Das scheint in Berlin „Neuland“ zu sein, denn zu häufig wird allein schon auf die Zuständigkeit des jeweils Nächsten verwiesen, sei es Bezirk, sei es Senatsverwaltung.

Susanne Menge musste aus gesundheitlichen Gründen leider kurzfristig ihre Teilnahme an unserer Veranstaltung absagen. Die grüne Landes- und Lokalpolitikerin aus Oldenburg in Niedersachsen wollte uns einen Vortrag zur lokalen Verkehrswende in Oldenburg zeigen. Dort gibt es die lebendige Fußgängerzone, von der viele in Berlin bestreiten, dass so etwas überhaupt möglich sei. Und auch sonst hat sich Oldenburg in den vergangenen Jahren gut aufgestellt.

Stellvertretend hat Oda Hassepass, Teammitglied bei Stadt für Menschen, eine Kurzform von Susanne Menges Vortrag gehalten, so dass die Oldenburger Impulse für uns in der Veranstaltung nicht verloren gingen.

Im Gegensatz zu Rotterdam ist Oldenburg eine kleine Stadt, von deren Lebendigkeit in der Innenstadt sich Berlin mindestens eine Scheibe abschneiden kann. Lebendigkeit, die nicht hauptsächlich durch Tourismus, sondern durch Bewohner*innen der Universitätsstadt und ihrer Umgebung gelebt wird, die die Oldenburger Innenstadt als den Ort wahrnehmen und nutzen, an dem Menschen einander treffen und miteinander sprechen.

Boris Palmer war unser Überraschungsgast an diesem Abend. Manche von uns stehen dem Oberbürgermeister von Tübingen aus guten Gründen kritisch gegenüber. Andere wussten von seiner Kompetenz in Fragen der Verkehrswende hin zu weniger motorisiertem Individualverkehr. Seine Fachkenntnis hat er sich als verkehrspolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion in Baden Württemberg angeeignet und setzt sie als Oberbürgermeister von Tübingen seit mehr als 10 Jahren konsequent auf lokaler Ebene um.

Tübingen ist natürlich nicht Berlin, aber die Vorher-Nachher-Bilder und die politische Konsequenz, mit der die Vorhaben umgesetzt wurden, sind wirklich beeindruckend. Tübingen kann übrigens durchaus als Ideengeber für viele Stadtteile in Berlin durchgehen, denn dort sind die Verhältnisse oft ganz ähnlich.

Beeindruckend war auch die Tübinger Planung für eine Fahrradbrücke über Bahn- und Bundesstraßentrasse, nach dem Vorbild der Kopenhagener Cykelslangen über den dortigen inneren Hafen. Nach anfänglicher Skepsis ist Boris Palmer kurzerhand mit dem Tübinger Gemeinderat nach Kopenhagen gefahren – und hat grünes Licht für das Projekt geerntet.

Was wir noch von Tübingen lernen können, ist das stetig ansteigende Radverkehrsbudget, was eine wichtige Voraussetzung ist, aber auch die konsequente Umsetzung der Mittel.

Hille Bekic hat nicht nur für Changing Cities das Mobilitätsgesetz mit dem Senat verhandelt, sie ist auch Vorstandsmitglied der Berliner Architektenkammer.

Was bringen uns die Ansätze aus anderen Städten, um in Berlin mit der Mobilitätswende weiterzukommen? Was brauchen wir in Berlin und was sind Voraussetzungen für eine menschengerechtere Entwicklung der – übergroßen – Verkehrsräume in der historischen Mitte, die bislang noch als physikalisch und politisch unüberwindliche Hindernisse gelten?

Die Stadtdebatte „Alte Mitte – Neue Liebe“ hatte dazu bereits zwar Kontroverses, aber Entscheidendes beigetragen. Umgesetzt ist davon allerdings nach drei Jahren trotz einstimmiger Zustimmung des Abgeordnetenhauses – nichts.

Eines unterscheidet die Berliner Mitte von vielen anderen Städten: Hier wohnen verhältnismäßig wenige Menschen in Bezug auf die Fläche. Viel viel weniger als im Gründerzeitgürtel um die historische Mitte. Zwar nicht so wenige, wie früher in der leeren Rotterdamer Innenstadt, aber vielleicht zu wenige, um den zur Verfügung stehenden Raum aus sich selbst heraus als Lebensraum zu besetzen. Ein Ansatz wäre, mehr Menschen unterzubringen, also Wohnungen zu bauen. Und zwar solche, die sich Menschen auch leisten können. Ein ergänzender Ansatz wäre, die Flächen anders zu nutzen, als bisher. Der Wiener Naschmarkt macht es für eine Fläche vor, die in der Breite von Haus zu Haus etwa die Dimensionen des Boulevards Unter den Linden hat. Ob das der richtige Ansatz für Berlin ist, sei dahingestellt, aber auch solche Ideen öffnen den Denkraum, den wir brauchen, um zu guten Lösungen für unsere eigene Stadt zu gelangen.

Die anschließende Diskussion im Podium mit den Impulsgeber*innen und dem Publikum war spannend, kontrovers und erhellend.

Erfreulicherweise waren nicht nur glühende Anhänger*innen einer Verkehrswende weg vom motorisierten Individualverkehr zur Veranstaltung gekommen, sondern auch Menschen, die dem entweder skeptisch gegenüber stehen oder noch ganz andere Aspekte als wichtige Elemente des Nachdenkens über die Berliner Stadtmitte einbrachten.

Einige Beispiele (ohne Anspruch auf Vollständigkeit):

Wenn Bewohner Voraussetzung für die Nutzung von öffentlichen Räumen sind, warum dann nicht am Molkenmarkt über eine Fußgängerzone nachdenken und damit Verletzungen der historischen Mitte heilen helfen?

Der Apell von einem Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, man müsse Geduld haben, bis die vielen Dinge umgesetzt werden können, schließlich fehle es an vielen Stellen schlicht am Personal, kam verständlicherweise weniger gut an.

Dass die Berliner gegen Fußgängerzonen seien und dass solche in Berlin nicht funktionieren würden, wurde vehement bestritten und an einigen Beispielen aufgezeigt, wie dem Alexanderplatz (!), der Altstadt Köpenick und der Altstadt Spandau und einigen mehr.

Mit der Friedrichstraße anzufangen, Unter den Linden weiterzumachen (wie es übrigens im Koalitionsvertrag steht), den Durchgangsverkehr durch die Innenstadt zu unterbinden und nach und nach das oberirdische Parken durch die heute leer stehenden Kapazitäten in Parkhäusern und Tiefgaragen zu ersetzen, wie des die Initiative „Stadt für Menschen“ vorgeschlagen hat, erscheint schon mal ein ordentliches Bündel zu sein, mit dem unmittelbar begonnen werden kann. Die Stimmung in der Veranstaltung war da klar positiv.

Uli Strötz hatte am Ende der Veranstaltung noch einen kurzen Impusbeitrag zu den technischen Möglichkeiten zur Wirksamen Vermeidung von Verkehr durch smarte door-to-door-Lösungen. door to door ist auch der Name der Firma, für die er solche Lösungen entwickelt.

To be continued!

Diskussion in der offenen Werkstatt der

Stadtwerkstatt Berliner Mitte am 14. März, 19-21 Uhr.

Wir wissen, dass der Rahmen dieser Veranstaltung nicht ausreichte, alle Aspekte der mit dem öffentlichen Raum verknüpften Stadtentwicklungsthemen der Berliner Stadtmitte auch nur anzusprechen. Wir möchten aber gern intensiver in diese Diskussion einsteigen und das Wissen der Bewohner*innen und Akteure in der Stadtwerkstatt Berliner Mitte nutzen und unterstützen.

Daher wollen wir die begonnene Diskussion im Rahmen der Stadtwerkstatt fortsetzen und dauerhaft zum Thema der stadtentwicklungspolitischen Auseinandersetzung und Politikentwicklung für die Berliner Mitte machen.

Seien Sie dabei und geben Sie gern die Informationen weiter.

Für Anregungen und Fragen erreichen Sie uns am besten per E-Mail kontakt@stadt-fuer-menschen.de